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Besetzung Am Klagesmarkt

Zu Himmelfahrt gab es nicht nur familiäres Beisammensein, Naturausflüge oder stumpfe Trinkgelage, sondern einen weiteren politischen Aufschrei, was die Wohnungspolitik angeht. Wie wir im vorherigen Artikel beschrieben haben, freuen wir uns über kreative Ausdrucksformen, diesmal in Gestalt einer Besetzung Am Klagesmarkt. Die Aufrechterhaltung und Aktualität dieses Themas halten wir für sehr wichtig und begrüßen es, wenn möglichst viele Menschen in der Öffentlichkeit zu Wort (oder Tat) kommen und so gemeinsame Ziele und Lösungen für dieses Problem definieren können.

Macht euch selbst ein Bild und stöbert euch durch diese verschiedene Perspektiven vertretende Linkliste.

Bericht der Neue Presse mit Reaktionen verschiedener politischer Akteur*innen:
Hannover-Darum ging es bei der Hausbesetzung am Klagesmarkt

Ähnliches bei der HAZ (mit Video):
Aktivisten besetzen leerstehendes Gebaeude am Klagesmarkt

Unabhängige Berichterstattung:
Indymedia Hausbesetzung am Klagesmarkt

Und zwei Bilderreihen:
koronaphotography
felixdressler

Aktionen gegen Gentrifizierung

Mit etwas Verspätung wollen wir auf diese Aktion aufmerksam machen. Die Wohnraumproblematik, die in Hannover schon seit etlichen Jahren existiert, kann nicht oft genug und mit vielfältigen Aktionen thematisiert werden.

Diesen Post haben wir auf Indymedia entdeckt und wurde auch von einer Zeitung aufgegriffen:

Letzte Nacht, vom 23. auf den 24. Mai, haben wir mehrere Immobilienunternehmen gleichzeitig angegriffen:

Vonovia: Buttersäure in der Lüftung eines Transporters, Parolen auf der Motorhaube und Farbe auf den Scheiben

Weise Immobilien: Bitumen an der Fassade und an den Scheiben.

Gerlach: Zerbrochene Scheiben im Eingangsbereich.

Aus Wohnraum möglichst viel Profit zu machen ist die Praxis aller Immobilenunternehmen. Vonovia perfektioniert dieses Prinzip auf nahezu unvergleichliche Weise. Zum Glück stößt das bei immer Mieter*innen übel auf. Wen wundert’s, nicht alle haben Lust mit ihrem häufig schmalen Einkommen dem Aktienkurs des Unternehmens nach oben zu verhelfen. In vielen Städten gibt es alleine zu Problemen mit Vonovia eigene Mieter*innen-Selbstorganisationen. Vonovia und andere Unternehmen zu enteignen halten wir für ’ne gute Idee, erstmal haben sie eine Karre weniger.

Am Lindener Berg haben Weise Immobilien KG ihren neuen Sitz dort, wo vorher ein Kiosk war. Nachdem das Haus saniert wurde, mussten Mieter*innen ausziehen. „Schnell, unkompliziert und den besten Preis erzielen? Wir machen dies möglich!“ heißt es auf ihrer Webseite. Wir denken: Häuser sollen keine Ware sein und haben daher schnellen unkomplizierten Sachschaden möglich gemacht!

Gerlach hat das Bumke-Gelände aufgekauft und will dort vor allem Eigentumswohnungen und Gewerbeflächen schaffen statt günstigem Wohnraum. Die üblichen 25% Sozialwohnungen, die sie nach Auflage der Stadt voraussichtlich schaffen müssen, ersetzen bestenfalls die Anzahl der ohnehin auslaufenden Belegrechte. Da sich viele in der Nordstadt Sorgen machen, dass dieses Vorhaben die Durchschnittsmiete anhebt und generell den Stadtteil noch teurer macht, gibt es die gute Initiative „Bumke selber machen“, die Einfluss auf die Entwicklung nehmen will. Wir haben das Büro von Gerlach in der Raffaelstraße an der Eilenriede besucht und ihnen schonmal einen Eindruck hinterlassen, wie man über Bürgerbeteiligung hinaus seine Unzufriedenheit ausdrücken kann.

Unsere Angriffe richten sich generell gegen das Prinzip, mit dem Verkauf und der Verwaltung von Wohnraum Profite zu machen. Denn dadurch verlieren immer mehr Menschen ihr Zuhause. Manche finden auch nichts Neues und landen auf der Straße. Im Februar wurde z.B. Jürgen „Bauer“ Niemann tot hinterm Freizeitheim Linden aufgefunden. Zwei Jahre vorher hatten 100-200 Bullen seine Räumung durchgesetzt, nachdem sie zuvor zweimal verhindert wurde. Immer wieder erfrieren Menschen auf der Straße oder begehen Selbstmord, wenn sie aus ihrem Wohnraum verdrängt werden.

Die Häuser denen, die drin wohnen!

PS: Wir grüßen auch die Bewohner*innen der Liebig34 und alle anderen, die um ihren Wohnraum kämpfen.

indymedia

Bericht aus der HAZ:

haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Gentrifizierung in Hannover Bueros von Immobilienfirmen beschaedigt

1. Mai in Hannover

Internationaler Aktionstag Recht auf Stadt

Wir laden euch ein, am 06.04.19 gemeinsam eine Critical Mass* zu werden. Dabei radeln wir an verschiedenen Gentrifizierungs-Hot Spots vor­bei. Anschließend wollen wir auf dem Küchen­garten zusammenkommen, miteinander essen, schnacken, Musik und Redebeiträgen lauschen. Der Stadt der steigenden Mieten, in der wenigen gehört, was alle brauchen, setzen wir unseren Zusammenhalt, unsere Vielfalt und Solidarität entgegen.
Wir wollen eine Stadt:
- in der die Häuser fürs Wohnen und nicht für den Profit gebaut werden,
- in der niemand in Notunterkünften, Heimen oder auf der Straße leben muss,
- und in der Wohnraum, Boden und Natur Allge­meingut sind

Wohnraum darf keine Ware sein!

6.4.2019, 13 Uhr, Start Christuskirche

Kiezkollektiv – Solidarisches Mieter*innen Netzwerk
Nordstadt Solidarisch
Recht auf Stadt AG IL Hannover

* Aktionsform bei der es darum geht, sich mit Fahrrädern den öffent­lichen Raum anzueignen. Laut StVO können Gruppen ab 15 Fahrrädern als Verband gelten und dürfen die Straße benutzen.

Für weitere Infos checkt:

aktionstag.mietenwahnsinn-stoppen.de

Kältetod in Hannover-Linden

Kältetod in Hannover-Linden. Nachruf auf einen Freund
Jürgen »Bauer« Niemann (1954–2019)

Von Jürgen Otte und Sprecherinnen- und Sprecherrat Die Linke Hannover, Linden-Limmer

jungewelt.de/artikel/350245

Gedenken an Jürgen »Bauer« Niemann: 7. März, 17 Uhr, Mahnwache vor der Wohnung, die ihm entrissen wurde (Kötnerholzweg/Ecke Limmerstraße), Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und gemeinsame Kämpfe ab zirka 18 Uhr in der Fröbelstraße 5

Am 12. Februar fanden Mitarbeiter des »Freizeitheimes Linden« in Hannover hinter dem Gebäude einen leblosen Menschen. Es war unser Freund und Genosse Jürgen Niemann, den alle hier im Stadtteil seit Jahrzehnten als »Bauer« kannten – verstorben in der Kälte einer Februarnacht draußen im Freien.

Die Ärzte rätseln noch, woran er gestorben ist. Unser Obduktionsbericht lautet: Vielleicht ist Bauer an Unterkühlung gestorben, ganz sicher aber an der Kälte dieses Landes und dieser Stadt. Ein warmherziger und anpackend hilfsbereiter Mensch endet als kalter, toter Körper und wird zu einer Zahl in der Statistik der Unmenschlichkeit. Wie viele Kältetote gab es in diesem Winter in diesem Land?

Jürgen wäre in wenigen Tagen, am 7. März, 65 Jahre alt geworden. In diesem Alter beginnt für andere ein neuer Lebensabschnitt, für Jürgen endete das Leben, das sich ihm in den letzten Jahren fast nur noch von der dunklen und hässlichen Seite gezeigt hatte.

Ein Schlaganfall warf ihn vor einigen Jahren aus der Bahn, raubte ihm viel von seiner Kraft und Vitalität. Arbeitslos geworden und den Schikanen des Jobcenters ausgesetzt, engagierte er sich weiter in unseren Reihen gegen Hartz IV, Wohnungsnot und die Gentrifizierung seines Stadtteils.

Vor einigen Jahren gab es in Linden Hausbesetzungen für selbstbestimmtes Wohnen und für ein soziales Zentrum. Bauer begrüßte und unterstützte das vehement. »So muss man das machen, wie früher!« »Nur parlamentarische Initiativen, das reicht nicht aus!« Kämpfe um soziale Veränderungen selbst organisieren – das war sein Ding; von der Basis her aktiv werden – das war sein Motto. Das erinnerte ihn an Zeiten, als das UJZ Kornstraße und die Glocksee (Unabhängige Jugendzentren, jW) erstritten wurden, an die Hausbesetzung in der Ricklingerstraße Anfang der achtziger Jahre und vieles mehr. Nicht ganz soweit zurück liegen die Proteste gegen die Abholzungen im Calenberger Loch, sein Engagement für den Erhalt der Stadtbücherei im Freizeitheim Linden, für das Fössebad und gegen die ihm besonders verhassten Hochbahnsteige auf der Limmerstraße. Politik war für Bauer immer konkrete Praxis, nie nur Programm, Ideologie, Papierkram.

An seinem Geburtstag vor zwei Jahren, am 7. März 2017, stand Bauer plötzlich selbst im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzungen hier in Linden. Widerrechtlich wurden er und ein Mitbewohner aus ihren winzigen Zimmern am Kötnerholzweg gezwungen. Eine von jährlich zirka 400 Zwangsräumungen in dieser Stadt. Es war der dritte Anlauf für diesen Gewaltakt. Von Solidaritätsbekundungen begleitet, hatten in den Wochen zuvor die ersten beiden Versuche, ihm sein Zuhause zu rauben, juristisch abgewendet werden können. Im dritten Versuch wurden dann zu nächtlicher Stunde 200 Polizisten aufgeboten, um die Umgebung abzuriegeln und seine Freunde und Unterstützer abzuwehren. So wurde eine widerrechtliche, brachiale Zwangsräumung eines alten und kranken Menschen exekutiert. Bauer war Opfer einer vor kurzem beschlossenen Gesetzesänderung geworden. Untermieter sind, auch wenn sie immer ihre Miete gezahlt haben, nicht mehr geschützt, wenn der Hauptmieter kriminell und betrügerisch Mietschulden aufhäuft. Das war bei Bauer der Fall.

So produziert der Gesetzgeber Wohnungslosigkeit, im Interesse des Privateigentums, vollstreckt durch die Polizeigewalt. Unsere Aufgabe hätte es sein müssen und wird es weiter sein zu helfen, dies abzuwenden.

Bauer stand auf der Straße. Mit einem Rucksack Kleidung und einer Tasche mit dem Nötigsten kam er vorübergehend bei einem Bekannten unter.

Er hatte Solidarität erfahren, leider eine im Ergebnis erfolglose. Und wohl zu wenig Solidarität, um daraus ausreichend Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Bauer verlor mehr und mehr seinen Lebenswillen und die Kraft, an seiner Situation Entscheidendes zu verändern. Er blieb ohne eigene Wohnung bis zu seinem Tod. Und starb in und an der Kälte dieser Stadt. Das nicht verhindert zu haben, erfüllt uns mit Wut und Trauer und beschämt uns als Freunde und Partei.

Das Recht auf eine eigene, gute und bezahlbare Wohnung muss ein einklagbares Grundrecht eines jeden Menschen werden. Bauer, du bleibst unvergessen!