Man kann sich die Dinge einfach machen – muss man aber nicht

Stellungnahme zu “Aggressiver 28-Jähriger angeklagt” (erschienen 01.10.18, HAZ)

Am 20. September wurden ein Mieter und seine neunjährige Tochter in Vinnhorst von Gerichtsvollzieher und Polizeiaufgebot aus ihrer Wohnung geräumt – kein Grund nachzutreten.
In dem Artikel von Michael Zgoll wird er als Rechter, der einen Hitlergruß gezeigt haben soll, dargestellt, , aber gleichzeitig auch damit wiedergegeben, dass man ihn als “Ausländer” auf dem Kieker hätte. Uns gegenüber sagt er, er hätte die Kläger_innen als Nazis bezeichnet, aber keinen Hitlergruß gemacht. Von taz-Recherchen und späteren Gesprächen mit Nachbar_innen wissen wir auch, dass sich verschiedene Frauen bedroht oder belästigt gefühlt haben.
Wir hatten – damals mit weniger Wissen über Details – entschieden, den beiden zu helfen, die Wohnung zu blockieren, um für sie eine Alternativwohnung zu fordern. Sie wollten niemals dort wohnen bleiben, aber auch nicht in einen kleinen Container ziehen. Doch obwohl er in Vinnhorst durch sexistische Beleidigungen und Belästigung aufgefallen sein soll, teilt er sich nach der gewaltvoll durchgesetzten Räumung in einem Container mit einer fremden Frau Küche und Bad.
Erstens ist zu bedenken, dass weder die neue Nachbarin noch die Tochter etwas für die Konflikte können. Zumal es auch eine Frechheit ist, dass ein HAZ-Redakteur, der nicht vor Ort war, sich anmaßt, sein Sorgerecht für seine Tochter in Frage zu stellen.
Zweitens ist es gefährlich, eine so komplexe Situation zu vereinfachen. Wichtig ist, die Vorwürfe der Belästigung ernst zu nehmen. Doch die vom geräumten Mieter formulierten Rassismuserfahrungen sollte man ebenfalls nicht von der Hand weisen. Sie wurden während der Räumung auch bestätigt, als eine Frau im Vorbeigehen sagte, er sollte ruhig geräumt werden, weil “er sich in Deutschland nicht anpasst”. Wir wollen weder die eine gegen die andere Diskriminierung ausspielen noch akzeptieren, dass sich die Ansicht verbreitet, manche Menschen hätten kein Recht auf eine Wohnung. Wir widersprechen auch der Darstellung, der Fall hätte nichts mit der politischen Situation auf dem Wohnungsmarkt zu tun: Natürlich stehtdiese Eskalation im Zusammenhang damit, dass die beiden woanders keine Wohnung finden. Wenn Vermieter_innen nicht am liebsten an zahlungskräftige Menschen mit “deutschem” Nachnamen vermieten würden, wären sie schon längst freiwillig weggezogen.
Die Verdrängung durch Zwangsräumungen ist gewaltvoller, als die meisten wahr haben wollen und führt immer wieder zu Selbstmorden – zuletzt vor zwei Wochen in Porta Westfalica.
Wir finden es wichtig, den Entwicklungen, dass Wohnraum immer knapper und teurer wird, etwas entgegenzusetzen, ohne dabei andere Probleme wie Diskriminierung und Belästigung zu vergessen.
Wenn das Gefühl erzeugt wurde, dass mit der Blockade solches Verhalten gerechtfertigt wurde, möchten wir uns dafür entschuldigen – das war nicht unsere Absicht.


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