Eindrücke aus dem Sperberweg*

Weil wir denken, dass Wohnraum für alle selbstverständlich sein sollte, verteidigen wir gemeinsam mit Mieter_innen, die zwangsgeräumt werden sollen ihre Wohnungen.
Die Menschen, die wir dabei kennenlernen bringen unterschiedliche Geschichten und Erfahrungen mit. Alle haben in der Regel wenig Ressourcen und Netzwerke auf die sie zurückgreifen können.

In den vergangenen Jahren haben wir oft darüber diskutiert, dass wir die Unterscheidung in „wir Aktivist_innen“ und „die betroffenen Mieter_innen“ eigentlich doof finden. Wir wünschen uns ein „Kiezkollektiv“ ein solidarisches Netzwerk, in dem wir gemeinsam und auf Augenhöhe agieren. Der Alltag unserer Kämpfe sieht jedoch meistens anders aus. Zeitressourcen, Bildungszugänge und rassistische Zuschreibungen wirken oft als trennende Kluft zwischen uns als „Aktivist_innen“ und den „Betroffenen“. Die meistens Kontakte gehen, wenn die konkrete Situation ausgestanden ist, wieder verloren. Außer dem konkreten Wunsch den Wohnungsverlust abzuwenden gibt es oft nicht viel Verbindendes. An manchen Stellen agieren wir gefühlt wie unbezahlte Sozialarbeiter_innen, die sich nicht an Gesetze halten. Eine übergreifende soziale Bewegung, die für Wohnraum für alle kämpft, lässt auf sich warten.
In einigen Fällen hatten wir erschreckend wenig Gemeinsamkeiten mit den Menschen, die von drohendem Wohnungsverlust betroffen sind. Wir haben uns bisher jedoch immer dafür entschieden, gemeinsam aktiv zu werden, auch wenn uns das an manchen Stellen Stress und Häme eingebracht hat.
Zum Beispiel im Sperberweg. Der Mieter, der uns um Unterstützung bittet berichtet, dass die Leute im Viertel ihn als „Ausländer“ auf dem Kieker hätten. Er sagt, er würde keinen Stress machen, nur sich und seine Tochter verteidigen. Der Typ lässt uns nicht ausreden und sagt ekelhaft rassistische Sachen über seine Nachbarin. Es ist nicht leicht ihm zuzuhören. Wir sagen ihm deutlich unsere Meinung und ihm fällt es auch nicht leicht uns zuzuhören. Wir sprechen über verschiedene Formen von Unterdrückung. Er findet unsere Position irgendwann „cool“. Wir finden es cool, dass wir es irgendwie schaffen ins Gespräch zu kommen. Während er anfangs eher Plattitüden über Geflüchtete von sich gibt, erzählt er irgendwann davon, dass er auch Fluchterfahrung hat und es eigentlich egal sein sollte wo eine_r herkommt.
Während der Räumung gibt’s wenig Solidarität von den Nachbar_innen, stattdessen berichten einige Frauen*, dass sie sich von ihm bedroht fühlen. Seine Schimpfwörter sollen häufig mit „F“ anfangen. Während immer mehr Bullen kommen, Presse und Gerichtsvollzieher vor der Wohnung stehen und etwa 20 Leute die Treppe vor seiner Wohnung blockieren wollen wir mit ihm über Sexismus sprechen. Er sagt er wisse gar nicht was das ist. Dieses Wort, Sexismus. Wir reden über Frauenbilder* darüber, dass es nur der Frau selber zu steht zu entscheiden, ob Kleid oder Kopftuch nun das richtige Dress ist. Oder beides. Und darüber, dass Hurensohn ein denkbar schlechtes Schimpfwort ist, weil es nämlich eigentlich gar keins ist. Er redet darüber, dass er sich auch unterdrückt fühlt, als Ausländer als Muslim. Bevor wir weiter zwischen klaren Fronten und Komplexität hin und her schwanken können, kommen die Bullen. Wir sind uns einig, dass wir von denen nix gutes zu erwarten haben. Nach und nach werden Leute von uns von der Treppe weggetragen oder geschliffen. Die Nachbar_innen, die dabei zuschauen, sagen er hätte es verdient rausgeworfen zu werden. Wir sind unsicher. Wohnraum sollte bedingungslos allen zustehen. Gleichzeitig nehmen wir die Vorwürfe der Nachbar_innen ernst. Wir entscheiden uns nochmal wieder zu kommen und einen Text zu verteilen, in dem wir diesen Zwiespalt deutlich machen.
Zurück im Sperberweg: Einige Menschen haben sich Tische und Stühle vor die Tür gestellt, unterhalten sich, essen Chips, Kinder toben herum. Sie sind erleichtert über die Räumung, sagen sie. Wir bekommen zuhören, dass Container als Notunterkunft geradezu luxuriös seien- und halten dagegen. Dass es Menschen gibt, denen die Wohnungssuche schwerer gemacht wird als anderen will niemand so recht hören. Wir erzählen von unseren Erfahrungen mit dem geräumten Mieter beim Wohnungsamt und davon, dass er erst seine Papiere „in Ordnung“ bringen muss bevor er Anspruch auf eine Wohnung hat. „Soll er sich halt drum kümmern wie jeder andere Bürger auch“ ist die Reaktion. Wir sind müde vom diskutieren. Müssen weiter, Möbel die während der Räumung bei uns untergestellt wurden in die Notunterkunft bringen.
In Ahlem: Wir fahren die Separéstraße* fast bis zum Waldrand. Auf der rechten Seite sehen wir einen großen Metallzaun, dahinter aufeinandergestapelte Container mit Satellitenschüsseln. Ein Sicherheitsdienst ist am Eingang postiert.
Wir tragen Kinderspielzeug und Hanteln in den Container. „Willkommen in meiner Villa“ begrüßt uns der neue Bewohner resigniert. Die Dinge, die wir mitgebracht haben, finden kaum Platz in dem winzigen Raum. Die Nasszelle und die kleine Küchenzeile teilt er sich mit einer Frau, die ebenfalls ein Zimmer in dem Container hat.
Die Enge ist deprimierend. Der Mieter, der aufgrund sozialer Probleme in der Nachbarschaft geräumt wurde, teilt sich jetzt Küche und Bad mit einer anderen Frau.
Für hanova, die Wohnungsgesellschaft, die ihn rausgeworfen hat ist das Problem gelöst. Unser Job ist auch irgendwie vorbei. Zurück bleiben viele Fragen. Zum Beispiel wie wir von dieser kleinteiligen, mit Widersprüchen behafteten Arbeit zu systemüberwindenden Momenten gelangen sollen. Oder wie es der Frau in dem Container wohl mit ihrem neuen Mitbewohner geht.

* fiktionalisiert


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