Zum Verkauf des Objektes am Pfarrlandplatz 3 – Bericht aus der Hausgemeinschaft

Das Wohnhaus mit neun Mietparteien wurde 1907 erbaut und ist im Besitz einer Erbengemeinschaft, die durch einen familiär angebundenen Verwalter vertreten wird. Sowohl die Eigentümerinnen als auch der Verwalter des Hauses wohnen in Hamburg. Viele Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 leben bereits mehrere Jahre dort; eine Familie seit über 50 Jahren, eine weitere Mieterin seit mehr als 20 Jahren. Alle Bewohner*innen leben sehr gerne in dem Haus und fühlen sich darüber hinaus in Linden-Nord zuhause. Die Wohnungen des Hauses betragen zwischen 60 qm und 90 qm. Bisher liegen die
Mietpreise bei 5-8 Euro pro Quadratmeter.

Die Vorgeschichte

Es wurden über die Jahre kaum größere Investitionen an dem Objekt unternommen. Im Herbst 2016 musste jedoch das marode Dach neu gedeckt werden, wovon die Mieter*innen erst durch den Aufbau eines Baugerüstes erfuhren. Keiner der Bewohner*innen wurde vorher telefonisch oder schriftlich vom Vermieter über die anstehenden Arbeiten informiert, obwohl jede Mietpartei eine eigene Parzelle auf dem Dachboden hatte, um hier Dinge lagern zu können.
Über Nacht mussten diese weggeschafft werden, um der Entsorgung zu entgehen. Nach der Sanierung des Daches steht den Mieter*innen der Lagerplatz nun nicht mehr zur Verfügung. Neben dem Dach wurde auch die Fassade durch einen Anstrich erneuert. Das Baugerüst war
ca. ein halbes Jahr vor dem Haus installiert, wobei es einige Monate im Winter überhaupt nicht genutzt wurde.

Wie alles begann…

Mitte April 2017 erhielten die Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 unerwartet einen Brief, in dem die Erbengemeinschaft, den geplanten Verkauf des Objektes ankündigte. „Die Eigentümer haben sich [..] dazu entschlossen, das Objekt gegen ein Haus im Hamburger Umland zu tauschen. […] Für uns ist das kein einfacher Schritt, da sich das Haus seit dem Bau im Jahre 1907 in Familienbesitz befindet“. Über das Anschreiben waren die Mieter*innen sehr überrascht, hatte der Vermieter zuvor nie den Anschein vermittelt, dass für ihn die Option bestünde, das Haus zu verkaufen. Doch nun hatte er die Maklerfirma „Engel und Völkers Commercial“ beauftragt, das Gebäude zu veräußern, eine Tatsache, die für die Hausbewohner*innen viele Fragen aufwarf und mit Ängsten, aber auch Wut einherging: Wer wird das Haus kaufen? Wie geht es für die Bewohner*innen weiter? Kauft ein Investor das Haus, dem es vornehmlich um Profit geht? Werden die Mieten erhöht? Müssen die Wohnungen nun regelmäßig für Besichtigungen zur Schau gestellt werden? u.v.a.
Bereits einen Tag nach Erhalt des Schreibens führten Makler*innen einige potentielle Käufer*innen durch das Haus. Engel und Völkers Commercial profitiert bei einem Verkauf des Objektes von einer Provision über ca. 100.000 Euro.

Organisation der Hausgemeinschaft

Die Hausgemeinschaft organisierte sich untereinander, um gegen den Verkauf des Hauses an einen profitorientierten Investor zu kämpfen. Von nun an zierten Transparente mit den Aufschriften „Stopp Gentrifizierung“, „17 Mieter – Eine Einheit“ und „WIR BLEIBEN“ die Fassade des Hauses, um die Meinung der Hausbewohner*innen zum geplanten Verkauf zu verdeutlichen. Gleichzeitig wurde der Vermieter kontaktiert, um Näheres zum Verkauf des Hauses zu erfahren. Dieser versicherte, die beste Lösung für alle zu suchen. Vor allem die Familie, die seit über 50 Jahren in dem Hause lebt, läge ihm sehr am Herzen.
Daneben wurde in der Hausgemeinschaft sowohl für die Eigentümer*innen als auch die Bewohner*innen nach der besten Lösung beim Verkauf des Hauses gesucht. Eine Teilung des Objektes in einzelne Wohneinheiten wurde von der Erbengemeinschaft jedoch kategorisch abgelehnt. Diese Teilung wäre Grundvoraussetzung für eine mögliche Übernahme des Wohnhauses von Seiten der Bewohner*innen gewesen und hätte langfristig die Wohnsituation
aller Mieter*innen gesichert.

Wie es weiterging…

Ohne persönliche „Vorwarnung“ erhielten die Mietparteien des Hauses Pfarrlandplatz 3 stattdessen am 03.07.2017 einen weiteren Brief der Erbengemeinschaft, in dem sie über den Stand der Verkaufsbemühungen informiert wurden. Das Gebäude sollte demnach überraschend an die INVESTIS GmbH vertreten durch Herrn Yassin Hussein, ein Schweizer Investor, verkauft werden. Das Anschreiben klang wie Hohn in den Ohren der Hausgemeinschaft: „Die bestehenden Mietverhältnisse werden weitergeführt und wir sind aufgrund unserer vielen Gespräche davon überzeugt, dass dieses für die gesamte Mietergemeinschaft und ihr Fortbestehen eine gute Wahl ist. Sie werden den neuen Eigentümer sicherlich schon bald kennenlernen und haben dann die Gelegenheit, sich selbst von der freundlichen Persönlichkeit zu überzeugen. Wir möchten Ihnen empfehlen, dem neuen Eigentümer genauso aufgeschlossen wie uns gegenüber zu treten und zeitnah auch weitere Besichtigungen der Wohnungen zu ermöglichen.“ Seit dem Eintreffen dieses Schreibens ist der Vermieter nicht mehr zu erreichen. Auf Anrufe reagiert er nicht.

Ein Großteil der Hausgemeinschaft schloss sich zusammen, um ihre Erfahrungen publik zu machen und die breite Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass Hauskäufe durch Großinvestoren wie die INVESTIS GmbH zu Luxussanierungen, Mieterhöhungen und damit letztlich zur Zerstörung des natürlich gewachsenen Viertels Linden-Nord führen (können). Am 20.07.2017 erschien ein Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Außerdem wurde Kontakt zum Kiez Kollektiv aufgenommen, um gemeinsam weitere Aktionen zu planen.

Heutiger Stand

Die Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 erreichen weder den Vermieter/Verkäufer des Objektes noch die INVESTIS GmbH als potentiellen neuen Eigentümer. Es ist somit nicht möglich mit der einen oder anderen Partei in einen Dialog einzusteigen. Ob das Haus letztlich tatsächlich verkauft wurde, weiß bis zum heutigen Zeitpunkt damit niemand. Zudem wurden finanzielle Auslagen eines Mieters, der Hausmeisterdienste im Haus übernimmt, bisher nicht
zurückgezahlt.


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