Kundgebung in Sarstedt für Famile Türk – Der Kiosk an der Limmerstr. 4 muss bleiben!

Der Kiosk der Familie Türk in der Limmerstr. 4 ist akut von Räumung bedroht. Daher haben am Montag den 21. August 2017 etwa 30 Menschen in Sarstedt vor dem Büro des Vermieters Olbrich-Immobilien gegen die Kündigung des Mietvertrages und die mögliche Zwangsräumung des Kiosks an der Limmerstr 4 protestiert. Vor seinem Immobilien Büro wurde Herr Olbrich zum wiederholten Male aufgefordert, endlich die Gesprächsangebote von Familie Türk anzunehmen. Die Kündigung soll zurückgenommen werden oder es muss zumindest nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht werden.
„Ich kann absolut nicht verstehen, wie Herr Olbrich einfach so die Existenzgrundlage von Familie Türk zerstören kann“ sagte eine Teilnehmerin der Demo, „und das obwohl REWE die Fläche ursprünglich gar nicht nutzen wollte.“ Eine andere Stimme: „Ich bin hier um an Herrn Olbrichs Gewissen und seine Menschlichkeit zu appelieren, aber auch weil ich etwas gegen Zwangsräumungen und Verdrängung tun möchte.“

Der Kiosk soll einer Erweiterung des benachbarten REWE-Marktes weichen. Zum 31. Mai 2017 wurde dem Kiosk vom Vermieter „Olbrich-Immobilien-Verwaltung“ gekündigt und Räumungsklage eingereicht; die juristische Auseindersetzung ist bisher noch nicht abgeschlossen.
Während Olbrich behauptet, dass „jeder zusätzliche Quadratmeter zur sinnvollen Erweiterung von REWE benötigt wird“, hieß es von REWE selbst zunächst, dass „die Fläche des Kiosk […] unsererseits nicht angefragt worden“ ist. Seitdem verweigert Herr Olbrich jedes Gespräch: Die Kommunikation läuft nur noch über seine Anwältin, die außerdem fünfstellige Schadensersatzforderungen androht, sollten sich die Betreiber_innen weiter wehren.

Herr Olbrich selbst hat nicht nur Gespräche mit den Teilnehmer_innen der Demo verweigert, sondern auch extra Bauzäune und Absperrplanen vor dem Grundstück aufbauen lassen.
Wir hoffen trotzdem, dass unsere öffentliche Forderung etwas bei Herrn Olbrich bewirkt, sodass er seine Entscheidung überdenkt oder zumindest in den nächsten Tagen persönlich Familie Türk kontaktiert.

Ein Auszug aus dem Redebeitrag des Kiezkollektivs:

Der Kiosk ist ganze 38qm groß. Aber 38qm für REWE sind nicht das gleiche wie 38qm für Familie Türk. Während REWE nach eigener Aussage die Fläche überhaupt nicht braucht sichern diese 38qm Kioskfläche die finanzielle Existenz von Familie Türk.

Geld für Wohnen, Essen, Krankenversicherung – das sind keine Selbstverständlichkeiten. Zumindest nicht für alle. Viele von uns müssen darum Tag für Tag kämpfen.

Die eine muss zum Jobcenter, um überhaupt Geld zu bekommen, andere arbeiten für viel zu wenig Lohn, und wieder andere haben einen kleinen Kiosk – wie Familie Türk.

Alle versuchen irgendwie über die Runde zu kommen. Alle sind dabei abhängig: Von der Willkür des Sachbearbeiters im Jobcenter, vom Wohlwollen der Chefin oder eben vom Vermieter.

Diese Abhängigkeiten sind in der Gesellschaft extrem ungleich verteilt. Einige können sich zumindest auf erkämpfte Rechte als Mieter_in oder Arbeitnehmerin berufen. Andere haben noch nichtmal diese Möglichkeit. Denn die Gesetze stellen ihre ganze Existenz und ihre grundlegenden Rechte in Frage: Asylgesetze, Aufenthaltsregelungen, Einreisebestimmungen und andere Schikanen machen einem den Alltag fast unmöglich und sprechen vielen Leuten das Recht ab überhaupt da zu sein.

Wenn ein Kiosk aus der Limmerstraße verschwindet, dann ist das kein isoliertes zufälliges Geschehen, sondern Teil dieser Abhängigkeiten. In einem beliebten Viertel wie Linden lässt sich bei steigenden Mieten natürlich mehr Geld mit einem neuen Mietvertrag verdienen. Wenn wir durch die Limmerstraße gehen, können wir konkrete Ergebnisse von Gentrifizierung beobachten. Z.B. wenn dem Kiosk von Familie Türk gekündigt wird, weil REWE vielleicht mehr für Fläche zahlt oder der vermeintlich bessere Mieter wäre.

Sich gegen diese Abhängigkeiten, egal ob vom Vermieter, dem Jobcenter oder dem Chef zu wehren, heißt jeden Tag einen Kampf auszutragen. Jedes Schreiben ans Amt, jede Konfrontation mit dem Chef, jedes Weheren gegen eine Mieterhöhung kostet Kraft.

Wir sind heute hier, weil wir lieber zusammen kämpfen wollen als allein. Wir wollen uns nicht spalten lassen, sondern uns zusammen organisieren und gemeinsame Interessen erkennen. Wir wollen uns darüber bewusst werden, was unsere unterschiedlichen Ausgangslagen bedeuten und vor allem wollen wir uns nicht unterkriegen lassen.

Wenn Gül sagt „Wir wollen hier bleiben“, dann nehmen wir das ernst und solidarisieren uns mit ihr.
Wenn Herr Olbrich als Vermieter sich nicht einmal zu einem Gespräch bereit zeigt, zieht er sich aus seiner persönlichen Verantwortung: menschlich und politisch.

Also nochmal:
Wir fordern Herrn Olbrich auf, sich zu der angedrohten Räumung zu verhalten und das Gesprächsangebot von Frau Türk anzunehmen.
Wir fordern ihn auf die Kündigung zurückzunehmen und die Kioskfläche weiter an Familie Türk zu vermieten!

Wir wollen solche Räumungen nicht mehr hinnehmen und uns die täglichen Schikanen nicht mehr gefallen lassen – nicht vom Vermieter, nicht vom Chef oder dem Amt, nicht von der Polizei.

Lasst uns kollektiv und solidarisch Verdrängung und Konkurrenz entgegen treten. Die Stadt gehört uns allen!