Stadtteilfest und demonstrativer Kiezspaziergang zum bundesweiten Aktionstag „Mietenwahnsinn stoppen“

Am Freitag den 08. September gab es im Rahmen des bundesweiten Aktionstags „Mietenwahnsinn stoppen“ ab 15:00h ein Stadtteilfest am Halim-Dener-Platz in Hannover / Linden mit einem anschließenden demonstrativen Kiezspaziergang. Unter dem Motto „Die Stadt gehört uns allen. Kollektiv und solidarisch gegen Verdrängung und Konkurrenz“ versammelten sich ca. 100 Menschen, um sich gemeinsam gegen Mietsteigerungen, Zwangsräumungen und andere Formen von Verdrängung zu wehren. Verschiedene Initiativen wie der Mieterladen e.V., die Kampagne Halim-Dener, die Basisgewerkschaft FAU und das Kiezkollektiv sowie eine Reihe von Menschen berichteten von ihrer Situation und formulierten ihre politischen Forderungen.
Der Kiezspaziergang führte vorbei am Haus am Pfarrlandplatz 3, dessen Bewohner_innen durch einen geplanten Hausverkauf an eine Immobiliengesellschaft akut von Verdrängung bedroht sind und dann zum Kiosk an der Ecke Limmerstraße/Kötnerholzweg, aus dem Herr N. und sein Mitbewohner im 07.03.2017 gewaltsam von einem Großaufgebot der Polizei geräumt wurden. Anschließend ging es weiter zum Wohnprojekt „Stadtteileben“, das als Teil des Mietshäusersyndikats versucht dauerhaft bezahlbares und kollektiv verwaltetes Wohnen zu ermöglichen. Der Spaziergang endete am Küchengarten, in dessen Nähe sich auch der Kiosk der Familie Türk befindet, der unmittelbar von einer Zwangsräumung bedroht ist. Außerdem wurde an die weiteren täglich stattfindenden Zwangsräumungen in Hannover, wie z.B. im 27.03.2017 in Herrenhausen erinnert sowie dazu aufgerufen sich gemeinsam dagegen zu organisieren und sich nicht einschüchtern zu lassen, insbesondere nicht von der oft drohenden oder stattfindenden Repression. In den letzten Monaten und Jahren wurden viele Verfahren eröffnet: Einige wurden – meist gegen Geldzahlungen – eingestellt, zwei laufen immer noch. Hierbei wird Teilnehmer_innen einer Blockade gegen eine Zwangsräumung „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ vorgeworfen.

Die Anwohner_innen und Aktivist_innen forderten geschlossen das Ende von Zwangsräumungen und der Profitgewinnung durch Mieten. „Ich will nicht darauf warten bis ich selbst zwangsgeräumt werde, sondern jetzt schon gegen Verdrängung aus dem Stadtteil aktiv werden.“ sagt ein Anwohner der Limmerstraße. „Dass Stadt uns allen gehört, heißt für mich auch sie gemeinsam zu gestalten und migrantische Geschichte sichtbar zu machen, wie z.B. mit dem Halim-Dener-Platz“, erklärt eine Teilnehmerin des demonstrativen Kiezspaziergangs. Das Kiezkollektiv rief dazu auf, sich gemeinsam zu organisieren und lädt Interessierte – ob akut von Verdrängung bedroht oder nur interessiert und solidarisch – zu den offenen Vernetzungstreffen ein, die jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat um 19h00 im Stadtteilbüro von kargah e.V. in der Stärkestraße 19a stattfinden. Die Polizei zeigte mit zwei Hundertschaften, großen Pferden und Motorrädern Präsenz und schützte den Stadtteil vor picknickenden und demonstrierenden Menschen, die ab und zu mit Konfetti und Glitzer für festliche Stimmung trotz Regen sorgten.

Informationen zum bundesweiten Aktionstag sind hier zu finden.

Zum Verkauf des Objektes am Pfarrlandplatz 3 – Bericht aus der Hausgemeinschaft

Das Wohnhaus mit neun Mietparteien wurde 1907 erbaut und ist im Besitz einer Erbengemeinschaft, die durch einen familiär angebundenen Verwalter vertreten wird. Sowohl die Eigentümerinnen als auch der Verwalter des Hauses wohnen in Hamburg. Viele Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 leben bereits mehrere Jahre dort; eine Familie seit über 50 Jahren, eine weitere Mieterin seit mehr als 20 Jahren. Alle Bewohner*innen leben sehr gerne in dem Haus und fühlen sich darüber hinaus in Linden-Nord zuhause. Die Wohnungen des Hauses betragen zwischen 60 qm und 90 qm. Bisher liegen die
Mietpreise bei 5-8 Euro pro Quadratmeter.

Die Vorgeschichte

Es wurden über die Jahre kaum größere Investitionen an dem Objekt unternommen. Im Herbst 2016 musste jedoch das marode Dach neu gedeckt werden, wovon die Mieter*innen erst durch den Aufbau eines Baugerüstes erfuhren. Keiner der Bewohner*innen wurde vorher telefonisch oder schriftlich vom Vermieter über die anstehenden Arbeiten informiert, obwohl jede Mietpartei eine eigene Parzelle auf dem Dachboden hatte, um hier Dinge lagern zu können.
Über Nacht mussten diese weggeschafft werden, um der Entsorgung zu entgehen. Nach der Sanierung des Daches steht den Mieter*innen der Lagerplatz nun nicht mehr zur Verfügung. Neben dem Dach wurde auch die Fassade durch einen Anstrich erneuert. Das Baugerüst war
ca. ein halbes Jahr vor dem Haus installiert, wobei es einige Monate im Winter überhaupt nicht genutzt wurde.

Wie alles begann…

Mitte April 2017 erhielten die Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 unerwartet einen Brief, in dem die Erbengemeinschaft, den geplanten Verkauf des Objektes ankündigte. „Die Eigentümer haben sich [..] dazu entschlossen, das Objekt gegen ein Haus im Hamburger Umland zu tauschen. […] Für uns ist das kein einfacher Schritt, da sich das Haus seit dem Bau im Jahre 1907 in Familienbesitz befindet“. Über das Anschreiben waren die Mieter*innen sehr überrascht, hatte der Vermieter zuvor nie den Anschein vermittelt, dass für ihn die Option bestünde, das Haus zu verkaufen. Doch nun hatte er die Maklerfirma „Engel und Völkers Commercial“ beauftragt, das Gebäude zu veräußern, eine Tatsache, die für die Hausbewohner*innen viele Fragen aufwarf und mit Ängsten, aber auch Wut einherging: Wer wird das Haus kaufen? Wie geht es für die Bewohner*innen weiter? Kauft ein Investor das Haus, dem es vornehmlich um Profit geht? Werden die Mieten erhöht? Müssen die Wohnungen nun regelmäßig für Besichtigungen zur Schau gestellt werden? u.v.a.
Bereits einen Tag nach Erhalt des Schreibens führten Makler*innen einige potentielle Käufer*innen durch das Haus. Engel und Völkers Commercial profitiert bei einem Verkauf des Objektes von einer Provision über ca. 100.000 Euro.

Organisation der Hausgemeinschaft

Die Hausgemeinschaft organisierte sich untereinander, um gegen den Verkauf des Hauses an einen profitorientierten Investor zu kämpfen. Von nun an zierten Transparente mit den Aufschriften „Stopp Gentrifizierung“, „17 Mieter – Eine Einheit“ und „WIR BLEIBEN“ die Fassade des Hauses, um die Meinung der Hausbewohner*innen zum geplanten Verkauf zu verdeutlichen. Gleichzeitig wurde der Vermieter kontaktiert, um Näheres zum Verkauf des Hauses zu erfahren. Dieser versicherte, die beste Lösung für alle zu suchen. Vor allem die Familie, die seit über 50 Jahren in dem Hause lebt, läge ihm sehr am Herzen.
Daneben wurde in der Hausgemeinschaft sowohl für die Eigentümer*innen als auch die Bewohner*innen nach der besten Lösung beim Verkauf des Hauses gesucht. Eine Teilung des Objektes in einzelne Wohneinheiten wurde von der Erbengemeinschaft jedoch kategorisch abgelehnt. Diese Teilung wäre Grundvoraussetzung für eine mögliche Übernahme des Wohnhauses von Seiten der Bewohner*innen gewesen und hätte langfristig die Wohnsituation
aller Mieter*innen gesichert.

Wie es weiterging…

Ohne persönliche „Vorwarnung“ erhielten die Mietparteien des Hauses Pfarrlandplatz 3 stattdessen am 03.07.2017 einen weiteren Brief der Erbengemeinschaft, in dem sie über den Stand der Verkaufsbemühungen informiert wurden. Das Gebäude sollte demnach überraschend an die INVESTIS GmbH vertreten durch Herrn Yassin Hussein, ein Schweizer Investor, verkauft werden. Das Anschreiben klang wie Hohn in den Ohren der Hausgemeinschaft: „Die bestehenden Mietverhältnisse werden weitergeführt und wir sind aufgrund unserer vielen Gespräche davon überzeugt, dass dieses für die gesamte Mietergemeinschaft und ihr Fortbestehen eine gute Wahl ist. Sie werden den neuen Eigentümer sicherlich schon bald kennenlernen und haben dann die Gelegenheit, sich selbst von der freundlichen Persönlichkeit zu überzeugen. Wir möchten Ihnen empfehlen, dem neuen Eigentümer genauso aufgeschlossen wie uns gegenüber zu treten und zeitnah auch weitere Besichtigungen der Wohnungen zu ermöglichen.“ Seit dem Eintreffen dieses Schreibens ist der Vermieter nicht mehr zu erreichen. Auf Anrufe reagiert er nicht.

Ein Großteil der Hausgemeinschaft schloss sich zusammen, um ihre Erfahrungen publik zu machen und die breite Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass Hauskäufe durch Großinvestoren wie die INVESTIS GmbH zu Luxussanierungen, Mieterhöhungen und damit letztlich zur Zerstörung des natürlich gewachsenen Viertels Linden-Nord führen (können). Am 20.07.2017 erschien ein Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Außerdem wurde Kontakt zum Kiez Kollektiv aufgenommen, um gemeinsam weitere Aktionen zu planen.

Heutiger Stand

Die Mieter*innen des Wohnhauses Pfarrlandplatz 3 erreichen weder den Vermieter/Verkäufer des Objektes noch die INVESTIS GmbH als potentiellen neuen Eigentümer. Es ist somit nicht möglich mit der einen oder anderen Partei in einen Dialog einzusteigen. Ob das Haus letztlich tatsächlich verkauft wurde, weiß bis zum heutigen Zeitpunkt damit niemand. Zudem wurden finanzielle Auslagen eines Mieters, der Hausmeisterdienste im Haus übernimmt, bisher nicht
zurückgezahlt.

Die Stadt gehört uns allen! Aktionstag am 08.09.2017

Alle sind auf Wohnraum angewiesen. Wie ist es zu vereinbaren, dass Wohnraum als allgemeines Menschenrecht anerkannt ist und gleichzeitig als Ware auf dem „Wohnungsmarkt“ gehandelt wird?
Bevor wir mit dem Finger auf fiese Immobiliengesellschaften zeigen, möchten wir festhalten: Wir halten es für ein großes Übel, dass es überhaupt möglich ist mit Wohnraum Geld zu verdienen.
Ob Spekulantin oder netter Vermieter macht zwar im Einzelfall einen großen Unterschied, aber beide schmeißen dich raus, wenn du die Miete nicht zahlst. Beide setzen ihre Interessen entlang der allgemeinen Spielregeln von Markt und Justiz durch. Natürlich ist es doof, wenn jemand besonders unfair spielt. Aber es darf nicht vergessen werden, dass auch „Fairplay“ nicht wirklich fair ist, wenn alle unterschiedliche Karten haben.
Wer eh schon schlechtere Karten hat und allenfalls auf Seite der Mieter_innen mitspielen darf, ist mit weiteren Problemen konfrontiert: Nicht alle haben den „richtigen“ Pass im Ärmel. Auch ein geregeltes Einkommen oder eine Bürgschaft von reichen Verwandten sind Anforderungen, die nicht alle erfüllen können.
Die Stadt anders zu denken ist nicht einfach. Eine Welt ohne Markt und andere Formen von Herrschaft und Unterdrückung haben wir alle noch nicht kennengelernt. Viele sagen vorschnell, das könne sowieso nicht funktionieren. Dabei vergessen sie, dass es so wie es jetzt ist auch für ganz viele nicht funktioniert: Zu wenig Lohn für zu hohe Miete, schlechter Wohnraum, der krank macht, Zwangsräumungen, Armut und die Illegalisierung von Menschen. Das sind in unserem Viertel und anderswo Probleme, die nicht weg zu reden sind.
Auf einem Stadtteilfest können wir Nachbar_innen uns kennenlernen und picknicken. Wir können uns austauschen und gemeinsam Ideen entwickeln, wie wir den Stadtteil gestalten wollen.
Mit einem demonstrativen Kiezspaziergang durch Linden wollen wir vergangene und aktuelle Verdrängung ins öffentliche Bewusstsein holen sowie Vereinzelung und Isolation überwinden.
Statt einer Konkurrenz unterschiedlicher Bedürfnisse braucht es kollektive Auseinandersetzungen und die Entschlossenheit, über das Bestehende hinaus zu denken und zu handeln.

Warten wir nicht auf Verbesserungen! Nehmen wir die Dinge selbst in die Hand!

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Mietenwahnsinn stoppen

Kämpfen bis zum letzten Grashalm!

Das Aktionsbündnis für Kleingartenerhaltung ruft für Samstag, den 02. September um 13:00 Uhr am Goseriedeplatz zur Demo auf. Unsere Freundinnen und Freunde gehen für den Erhalt der Kleingärten in Hannover, die den Bebauungsplänen der Stadt zum Opfer fallen sollen auf die Strasse. Ihr seid herzlich eingeladen – die Abschlusskundgebung findet um 14:00 Uhr an der Marktkirche statt.

Weitere Infos:

freiheitsfoo schreibt zum räumungsbedrohten Kiosk am Küchengarten

Hier findet ihr noch weitere Infos zu dem räumungsbedrohten Kiosk an der Limmerstrasse 4.

freiheitsfoo